Was sind eigentlich Evangelikale?
Auch wenn wir hier nicht alle evangelikalen, christlichen Gemeinden vertreten, sondern nur die der ARGEGÖ, so wollen wir uns doch der Herausforderung stellen, diesen Begriff zu erklären. In der angeführten Linkliste können Sie mehr über den Evangelikalismus erfahren.Evangelikal
Das Wort »evangelikal« ist ein relativ junger Ausdruck, hat aber seine Wurzeln im Protestantismus. Das deutsche Wort »evangelisch« wurde im 18. Jahrhundert parallel zu »pietistisch« oder »erwecklich« für einen ganzheitlich gelebten Glauben gemäß des Evangeliums gebraucht und damals noch als Gegensatz zu einem dogmatisch erstarrten Glauben der protestantischen Orthodoxie gesehen. Erst nach der Vereinigung von Reformierten und Lutheranern in der preußischen Union wurde der Begriff »evangelisch« im 19. Jahrhundert für die sich auf die Reformation gründenden Kirchen verwendet und dient seither vor allem im deutschen Sprachraum zur Unterscheidung der Reformierten und Lutheraner von der Römisch Katholischen Kirche.Das im internationalen Raum geläufige englische Wort »evangelical« behielt jedoch stärker seine ursprüngliche Bedeutung von »evangelisch« als »dem Evangelium gemäß« bei. Was in unserem Sprachraum wieder zu einer Eindeutschung des Wortes in »Evanglikal« führte, um damit jene Christen, die sich in Glauben und Leben dem biblischen Evangelium verbunden fühlen, zu kennzeichnen. In den fünfziger Jahren des 20. Jhdts. diente das Wort dann in den USA auch zur Abgrenzung zu der sich zunehmend dogmatischer artikulierenden fundamentalistischen Bewegung. Die Evangelikalen hielten zwar auch nach wie vor die Bibel für wahr und zuverlässig, aber sie fühlten sich doch eher der Tradition der dynamisch-missionarischen Erweckungsbewegungen des 18. und 19. Jhdt. verpflichtet, die im wesentlichen undogmatisch waren. Ein wichtiger Begriff war und ist bei den Evangelikalen die »Evangelisation«. Diese stellt eine Veranstaltung dar, die dem Einzelnen die Möglichkeit geben soll, persönlich den Glauben an Jesus Christus und seine Gnade anzunehmen. Einer der bekanntesten Evangelisten in der zweiten Hälfte des 20 Jhdts war Billy Graham. So wie er zogen in der ganzen Welt viele durch ihr Land und evangelisierten mit Unterstützung der evangelikalen Christen aus den verschiedensten Kirchen, wobei es sehr oft zur überdenominationellen Zusammenarbeit evangelikal gesinnter Christen kam.
Die Evangelikalen sind trotz internationaler Kongresse und Gespräche bewusst eine Bewegung ohne Organisationsstrukturen geblieben. Kirchliche und Freikirchliche Gemeinden und Missionswerke können mehr oder weniger von den Evangelikalen geprägt sein, manchmal auch ganze Denominationen. Ein geeigneteres Wort, das gleichzeitig das Anliegen eines am Evangelium orientierten, gelebten Glaubens in der theologischen Tradition der Reformation und der Erweckung auszudrücken vermag, und die weltweite Zusammengehörigkeit der Bewegung zum Ausdruck bringt, steht nicht zur Verfügung.
Die Situation in den USA
Im nordamerikanischen Raum haben die Evangelikalen eine für die politische Gesellschaft relevante Größe erreicht. Das hat dazu geführt, dass diese Wählerschicht mehr und mehr von den politischen Parteien umworben werden und zwar sowohl von Demokraten (man erinnere sich an Jimmy Carter) als auch von Republikanern (Georg Bush). Entsprechend den ethischen Wertvorstellungen der Evangelikalen kommt es daher auch gelegentlich zu Korrekturen der politischen Programme, was einen normalen demokratischen Prozess darstellt. Der Einfluss der Evangelikalen wird jedoch wahrscheinlich stark überschätzt, denn auch andere Bevölkerungsschichten haben oft ähnliche Wertvorstellungen, etwa konservative Katholiken, Mormonen etc. Zudem zeigen sich politische Konzepte wahlkämpfender Parteien, wie überall auf der Welt, so auch auf dem amerikanischen Kontinent, in der Umsetzung stets starkt verwässert.Festzuhalten bleibt, dass die Evangelikalen keine politische Bewegung sind und es auch niemals sein wollen. Ihr Anliegen ist vor allem die Konfrontation der Menschen mit dem Evangelium von Jesus Christus. Freilich geschieht dies in dem Bewusstsein, dass eine verstärkte Annahme dieses Evangeliums auch eine positive gesellschaftsverändernde Wirkung haben würde. Diese würde aber nicht durch Machtausübung von oben nach unten stattfinden, was von den Evangelikalen mehrheitlich abgelehnt wird, sondern durch eine moralische Erneuerung von unten nach oben. Das ist auch gemeint, wenn von einer Erweckung gesprochen wird. Schon die Gründerväter der Vereinigten Staaten von Amerika haben das so gesehen und obwohl einige von ihnen evangelikal waren, formulierten sie die Verfassung bewusst liberal und säkular. Es ist daher auch nicht damit zu rechnen, dass sich an dieser Haltung bei den Evangelikalen etwas ändern wird.
Es zeugt von großer Unwissenheit und mangelhafter journalistischer Recherche, wenn Evangelikale gelegentlich in den Medien als Fundamentalisten bezeichnet und als christliches Gegenstück zu islamischen Fundamentalisten dargestellt werden. Die dabei oft gezeigten sektiererischen Auswüchse extremer charismatischer Gruppen sind keineswegs repräsentativ für den weltweiten Evangelikalismus.